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Autorin Text: Monika Kühne, Göfis

'Alte Balken, neue Perspektiven

 Einen Monat lang schuf der aus Tel Aviv, Israel, stammende Künstler Ra`anan Harlap in der Artenne Nenzing aus Abbruchholz Skulpturen. Die Arbeiten des Artists in Residence werden Teil der Herbstausstellung „Stöbern und Stolpern – Der Dachboden als Speicher für Dinge und Zeit“.

Wer sich der Kultur- und Kunstplattform Artenne in Nenzing nähert, hört es sägen, hämmern, bohren. Der 1957 in Jerusalem geborene Künstler Ra`anan Harlap steckt mitten im Werkprozess. Für die Dauer eines Monats richtete er sich im Erdgeschoss der Artenne sein Studio ein. Während dieses Sommers sind somit die Grenzen zwischen Kunst und Handwerk im Haus Schlatter und der angrenzenden Kulturräume in der ehemaligen Tenne fließend. Während im Zuge von Umbauarbeiten in dem über 180 Jahre alten Wohngebäude, der Dachboden geräumt und Holzwände abgebrochen werden, entstehen nebenan aus eben diesen alten Balken Skulpturen und Objekte. Selbst seinen Werktisch konstruierte der an der Bezalel Academy of Arts and Design in Jerusalem ausgebildete Künstler aus altem Holz, das er im Haus fand. Für den heute in Tel Aviv lebenden Ra`anan Harlap ist es sein erster Besuch in Österreich. Die Gründer der Artenne, das Ehepaar Hildegard und Helmut Schlatter, luden ihn als Artist in Residence nach Nenzing ein. „Ich war neugierig, was mich hier erwarten würde und welche Art von Kunst ich machen könnte“, erzählt Harlap. Das Ehepaar Schlatter wollte das beim Umbau anfallende Abbruchholz nicht wegwerfen, sondern einem Künstler als Arbeitsmaterial zur Verfügung stellen. Dabei entschieden sie sich für Ra`anan Harlap.

Dem Ursprung nachspüren
Bereits in seiner Heimat Israel arbeitete der Künstler mit aussortiertem Holz. „Hanno Loewy kannte meine Werke aus seinem Besuch in meinem Studio in Tel Aviv“, erzählt Harlap. Der Direktor des Jüdischen Museums Hohenems wusste zudem vom Umbauprojekt der Familie Schlatter und ihren Ausstellungsplänen. „Hanno hat mir vorgeschlagen, Ra`anan Harlap als Artist in Residence einzuladen“, erzählt der Obmann der Artenne Helmut Schlatter. Für zwei Wochen ist auch Harlaps Frau Galia Gur Zeev in Nenzing. Die 1954 in Israel geborene Fotografin, die ihre Ausbildung am selben Institut wie ihr Mann erhielt, ist in Vorarlberg keine Unbekannte mehr. Ihre Fotos zum Thema „Endstation Sehnsucht“ waren bis Anfang dieses Jahres im Jüdischen Museum Hohenems zu sehen. Hier in Nenzing dokumentiert sie den Arbeitsprozess ihres Mannes. In seiner Herangehensweise geht es ihm darum, neue Sichtweisen auf die von ihm ausgewählten Gegenstände zu ermöglichen. Akribisch nimmt er wahr, wie ein Objekt ursprünglich ausgesehen hat, welchen Zweck es erfüllte und welche Handwerkstechniken angewendet worden sind. „Aus dieser Vorstellung, die ich beim Betrachten wahrnehme, versuche ich dann etwas Neues zu konstruieren“, erklärt Ra`anan Harlap. Wobei der Bezug zum ursprünglichen Gegenstand bleibt, sich aber die Perspektiven im Laufe des künstlerischen Prozesses wandelt.

Eine Frage der Dimension
Die Skulpturen nehmen ihren Ausgang zunächst auf dem Skizzenblock des versierten Zeichners. Hier beginnt das Spiel mit der Zwei- und Dreidimensionalität, das die Werke Harlaps dominiert. Durch seine Erfahrungen als Zeichner von Plänen beherrscht er den Umgang mit Perspektiven perfekt. „Ich genieße die Möglichkeiten der Dreidimensionalität und mache sie zu einer Sprache“, beschreibt Harlap sein Tun. Der Künstler zeigt einen Holzbalken, bei dem noch die Zapfen, die ihn mit einem anderen verbunden haben, sichtbar sind: „Hier habe ich mir überlegt, wie diesem Stück Holz die ursprüngliche Form eines Baumes wiedergeben könnte. Also habe ich Teile davon rund gemacht“. An der Wand erstaunt ein weiteres Objekt, bei dem er den Vorgang umkehrte. Er zerlegte eine hölzerne Obstkiste und setzte sie perspektivisch so geschickt wieder zusammen, dass sie wie ein zweidimensionales Bild wirkt. Mal vorsichtig, dann wieder grob spaltet oder zersägt Harlap die Holzteile, um sie neu zusammenzufügen. Der Holzkünstler bezeichnet diesen Vorgang als „Abenteuer“. Ebenso das Herausfinden, wie die Ecken zusammengefügt werden müssen, um die gewünschte neue Dimension entstehen zu lassen.

Kultureller Austausch
Ra`anan Harlaps Aufenthalt in Vorarlberg neigt sich dem Ende zu. Als Artist of Residence konnte er seine kreative Tätigkeit außerhalb seines Kulturkreises ausüben und sich dabei mit den kulturellen und regionalen Gegebenheiten des Gastlandes auseinandersetzen. Hier in Vorarlberg faszinierte ihn neben den Bergen das üppige Grün: „Ich habe noch nie so viel Grün gesehen und die Natur ist zum Berühren nah.“ In Ausflügen mit dem Ehepaar Schlatter stand die Natur – wie etwa die Alpe Parpfienz oder der Besuch des Nenzinger Himmels – ebenso auf dem Programm wie kulturelle Anlässe. Hier bot sich der Besuch von Gerold Amanns musikalischer Komödie „Die Vögel“ und die Generalprobe von „Turandot“ an. „Wir wollten Ra`anan Harlap schon ein wenig von unserer Kultur und Lebensart mitgeben“, betont Schlatter und ergänzt: „Für uns war es spannend zu sehen, wovon jemand, der unsere Kultur nicht kennt, fasziniert ist und wie er dies künstlerisch umsetzt.“ Der Holzbaukunst und wie vor 180 Jahren gearbeitet worden ist, begegnet Harlap im Haus seiner Gastgeber auf Schritt und Tritt. Ebenso in der unmittelbaren Nachbarschaft. Die „Hoanza“, auf denen früher das Heu getrocknet wurde, sind für den Künstler aus Tel Aviv ebenso neu, wie das gekonnte Stapeln des Brennholzes. „Ich habe Bilder von diesen Holzstößen gemacht und gebe sie auf Facebook als eine meiner Arbeiten aus“, scherzt Harlap. Auch die Begegnung mit dem ehemaligen Skibauer Otto Schallert, der nur wenige Häuser weiter wohnt, hinterlässt Spuren. „Seine Werkstatt mit ihren Arbeitsgeräten hat mich völlig überrascht und verblüfft“, gesteht der Künstler.

Inspirierende Dachböden
„Ich durfte hier eine sehr warmherzige Gastfreundschaft von Helmut und Hildegard erfahren“, ist Ra`anan Harlap berührt und seine Frau stimmt ihm zu. Auf die Frage, welche Eindrücke und Erfahrungen er in seine Heimat mitnimmt, antwortet der Künstler: „Ich empfand die Kultur und Lebensart hier als sehr ehrlich und offen. Dabei habe viel gelernt und mein Wissen hat sich vergrößert“. Neben seinen Holzarbeiten werden die Werke von sechs weiteren Künstlern aus Österreich und Deutschland in der Ausstellung der Artenne zu sehen sein. Sie alle setzen sich mit dem Thema Dachboden auseinander. Der Titel „Stöbern und Stolpern – Der Dachboden als Speicher für Dinge und Zeit“ sei ein breites Feld und lasse vieles zu, nimmt der Artenne Obmann vorweg. Während die Leipzigerin Ricarda Roggan Fotos leer geräumter Dachböden zeigen wird, führt die Vorarlbergerin Claudia Larcher mit ihrer Videoarbeit die Besucher vom Dachboden eines Hauses bis zum Keller. „Wer stöbert, kann leicht stolpern, über Dinge, Entdeckungen und Erinnerungen“, machen Hildegard und Helmut Schlatter neugierig auf die Ausstellung, die am 4. September um 17 Uhr in der Artenne eröffnet wird. Ra`anan Harlap wird bei der Vernissage in Nenzing zu Gast sein. Es bleibt spannend, worüber er dabei mit seinem aufmerksamen Blick „stolpern“ wird.

 
Wissenswertes über Ra´anan Harlap
Biografie
Facebook
 
Artenne Nenzing – Ausstellung:
Stöbern und Stolpern –
Der Dachboden als Speicher für Dinge und Zeit
 
Dauer: 4. September bis 2. Oktober 2016
Eröffnung: Sontag, 4. September, 17 Uhr
 
Artenne Nenzing:
Plattform für Kunst und Kultur im ländlichen Raum
6710 Nenzing Kirchgasse, 6
Tel.: 05525/64417 oder 0664/73574514

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Fotos: Galia Gur Zeev


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